Mexikanische Revolution

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Zusammenhängende Serie militärischer, politischer und sozialer Ereignisse und Bewegungen zwischen 1910 und 1920. Die Auswirkungen der Revolution prägten das Mexiko des 20.Jahrhunderts.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die Mexikanische Revolution ist eine bedeutende Zäsur in der mexikanischen Geschichte. Sie markiert den Abschied von der oligarchischen Republik des neunzehnten Jahrhunderts, insbesondere der Diktatur von Porfirio Díaz und zerschnitt damit endgültig die Kontinuität der schon 1857/1867 in ihrer Machtstruktur erschütterten Eliten der einstigen Kolonialzeit. Zugleich knüpfte sie zumindest rhetorisch an das vorhispanische Erbe und die Ideale der Unabhängigkeitsbewegung unter Miguel Hidalgo und José María Morelos an. Der Zeitraum umfasst in der Regel die Jahre zwischen 1910/1911 und 1917/1920, allerdings beziehen manche Historiker auch die Jahre bis zur Erdölverstaatlichung (1938) mit ein.

Vorgeschichte

Das Mexiko des Jahres 1910 stand seit 1877 unter der diktatorischen Herrschaft des Staatspräsidenten Porfirio Díaz. Er hatte das Land nach den blutigen Ereignissen der französischen Invasion stabilisiert, indem ausländische Investoren in Infrastruktur und Rohstoffabbau investierten. Dies wurde jedoch mit einer fast völligen Entrechtung der Bauernbevölkerung bezahlt. Zunehmend nahmen auch die Proteste unzufriedener Händler zu, die sich gegenüber den ausländischen Investoren benachteiligt fühlten.

Gewaltlose und gewaltsame Proteste hatte es während des gesamten Porfiriato, der Herrschaft von Díaz, gegeben. Doch 1910, bei der scheindemokratischen Wiederwahl des greisen Diktators, versammelte Francisco I. Madero eine breite Oppositionskoalition unter dem Motto "No reelección" (Keine Wiederwahl) hinter sich. Seine Wahlteilnahme wurde mit seiner Verhaftung beantwortet.

Nach seiner Flucht im Oktober 1910 aus einem Gefängnis in San Luis Potosí wandte sich Madero in die USA. Von dort aus bereitete er einen Aufstand vor, der im November 1910 tatsächlich ausbricht: der Beginn der mexikanischen Revolution.

Sturz des Porfiriato

Soldat 1913 vor dem Präsidentenpalast
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Soldat 1913 vor dem Präsidentenpalast
Der Aufstandsplan, ursprünglich für den 20.November geplant, wurde der Polizei verraten. In Puebla erschoss die Polizei den Verschwörer Aquiles Serdán, weitere wurden im ganzen Land festgenommen. Gleichwohl erhoben sich an der Ostküste und in Nordmexiko bewaffnete Gruppen im Namen von Madero. Die "Maderistas" erfuhren zudem eine Unterstützung durch die Bauern Zentralmexikos, die sich von den Aufständischen eine Annullierung ihrer Entrechtung versprachen. Dies betraf vor allem den Bundesstaat Morelos. Im März 1911 schloss sich Bauernführer Emiliano Zapata dem Aufstand an. Im gleichen Monat kehrte Madero nach Mexiko zurück. Die reguläre Armee, 14.000 Mann stark, zeigte sich unfähig, die Rebellen zu besiegen.

Der Aufstand wurde im Norden entschieden, wo Bandit und Rebellenführer Pancho Villa die kleine Grenzstadt Ciudad Juárez belagerte. Entlang der Bahnlinien verbreitete sich die Revolution im gesamten Norden, auch Tijuana fiel in die Hände der Aufständischen. Am 10.Mai 1911 kapitulierte Ciudad Juárez, dies war der "Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt", so die mexikanische Historikerin Berta Ulloa. In ganz Mexiko brachen danach weitere Unruhen aus, selbst in Mexiko-Stadt. Am 21.Mai 1911 dankte Porfirio Díaz im Vertrag von Ciudad Juárez ab und ging ins Exil nach Frankreich. Sein Grab liegt in Paris.

Madero

Díaz Außenminister, Francisco León de la Barra, übernahm provisorisch die Regierungsgeschäfte bis zu den Wahlen im Oktober 1911, die Madero und sein Vize Pino Suárez souverän gewannen. In dieser Zwischenzeit blieben gemäß dem Vertrag die Säulen des Porfiriato - Behörde, Justiz und Armee - intakt. Im Gegenzug wurde die versprochene Landreform nicht umgesetzt, zugleich Rebellenverbände zur Niederlegung der Waffen gezwungen. Madero glaubte, nur so ein weiteres Blutvergießen zu verhindern und strikt die konstitutionelle Legalität beachten zu müssen, die Díaz trotz seiner Diktatur formal gewahrt hatte. Tatsächlich aber beraubte er sich seiner eigenen Machtbasis, zumal er mehrere Rebellen gegen sich aufbrachte.

Sehr schnell verlor der neue Staatschef die Kontrolle über die verschiedenen Interessensgruppen: Diaz-Anhänger, zentralmexikanische Bauern und machtpolitisch übergangene Revolutionsgeneräle. Im Norden bekämpfte Pancho Villa zunächst den Aufstand von Pascual Orozco (1912), wurde dann aber unter dem Vorwurf der Verschwörung verhaftet. Er entkam aus dem Gefängnis und baute im Norden eine Guerillabewegung auf. Im Süden proklamierte Emiliano Zapata im November 1911 den Plan einer Bodenreform, sah sich noch vor Maderos Amtsantritt heftigsten Angriffen des bestehenden Diaz-Militärs ausgesetzt (trotz der Waffenruhe im Norden) und stieß damit mit Maderos Ansichten zusammen, der die Schaffung sozialer Gerechtigkeit durch die sich entwickelnde Legalität als gesichert sah. Im Nordwesten schließlich hatte sich Madero von den liberalen Revolutionsgenerälen durch die Auflösung von deren Truppen distanziert.

Madero wurde seine Überzeugung, an der institutionellen Legalität der Diaz-Generalität nicht zu zweifeln, zum Verhängnis. Im Februar 1913 erhoben sich in der "Decena trágica" (9.2.-18.2.) erst einzelne Militäreinheiten der Hauptstadt gegen Madero, dann wechselte der Militärchef der Stadt, General Victoriano Huerta, die Seiten. Am 19.3. dankte Madero zugunsten Victoriano Huerta ab, drei Tage später ließ dieser ihn zusammen mit Pino Suarez ermorden.

Huerta

General Huerta wurde sehr schnell durch Manöver des Botschafters Henry Lane durch die US-Regierung anerkannt. Er eignete sich Sondervollmachten an und löste das Parlament auf. Einzelne Politiker wie Belisario Dominguez (7.10.1913) wurden umgebracht. Gegen den Putschisten erhob sich eine breite Front an Rebellen (Plan von Guadalupe 26.3.1913 durch Coahuilas Gouverneur Venustiano Carranza). Im Norden unterwarf Pancho Villa mit seiner Reiterarmee "División del Norte" den Bundesstaat Chihuahua. Anfang 1913 wandte sich auch die US-Regierung gegen ihn, am 21.4.1914 besetzten US-Truppen Veracruz und blockierten damit (bis November 1914) Huertas Nachschubwege. Am 23.6.1914 eroberte Pancho Villa Zacatecas. Damit war die militärische Entscheidung gefallen, dem Diktator blieb kein Spielraum.

Am 15.7.1914 dankte Huerta ab und floh ins Exil. Ein Versuch der Rückkehr 1914 scheiterte am Eingreifen der US-Behörden, Huerta stirbt am 13.1.1916 in einem Krankenhaus in El Paso in Texas.

Revolution 1914-1916

Die Gegensätze unter den Siegen brachen nach dem Einzug von Venustiano Carranza in Mexiko-Stadt offen aus. Gegen die "Carranzistas" stellten sich "Villistas" und "Zapatistas". Historiker sehen den Hintergrund in den Differenzen zwischen den urban-bürgerlich geprägten Anhängern von Carranza und den mehr bäuerlich-lokal gebundenen Zapata und Villa. Carranza trug durch seinen Machtanspruch (Nichtannahme des formellen Titels "Staatspräsident", stattdessen Selbstbezeichnung als "Jefe Supremo del Ejercito Constitucionalista") dazu bei, die Gegensätze zu vertiefen. Am 22.9.1914 bereits sagte sich Villa von Carranza los.

Eine erste Krise verhinderte Carranzas Militärchef Álvaro Obregón, der in Aguascalientes eine "Konvention" einberief, in der Generäle, Militärgouverneure und andere Offziere verschiedener Revolutionsarmeen der "Carranzistas", "Villistas" und "Zapatistas" vertreten waren. Die Konvention erklärte sich für souverän und nahm am 28.10.1914 im Grundsatz den zapatistischen "Ayala-Plan" einer Bodenreform an. Die Konvention suchte eine provisorische Regierung durchzusetzen, wählte den General Eulalio Gutiérrez zum Interimsstaatspräsidenten. Tatsächlich aber akzeptierten weder Carranza (der sich nach Puebla absetzte) noch Villa oder Zapata die Entscheidung, wodurch die, starke Truppenverbände kommandierenden, Offiziere unter Obregón zu einer Entscheidung gedrängt wurden. Als "Zünglein an der Waage" entschieden sie sich, Carranza zu unterstützen und erklärten am 19.11.1914 Villa den Krieg.

Die Folge war, dass Mexiko endgültig im nunmehr folgenden Bürgerkrieg zwischen "Convencionalistas" (Zapata, Villa) und "Constitucionalistas" (Carranza, Obregón) im Chaos versank. Allein die Hauptstadt, die die "Carranzistas" schon im November 1914 räumten, wechselte mehrfach den Besitzer. Um sich die bis dato fehlende Unterstützung der Bauern und Fabrikarbeitern zu sichern, entschloss sich auch Carranza für ein radikales Agrarprogramm (inhaltlich dem Ayala-Plan folgend). Die Arbeiter, insbesondere deren Vertretung ("Casa del Obrero Mundial") gewann Carranza durch Sozialreformen, politische Zugeständnisse (Unterstützung der Casa), einem gemeinsamen Antiklerikalismus sowie der Distanz zum Anliegen der Bauern. Im Laufe des Jahres 1915 entstanden mehrere "Rote Bataillone".

Entscheidend aber für den schließlichen Erfolg von Carranza sind jedoch andere Gründe: Zum einen können sich die "Convencionalistas" nicht auf eine gemeinsame Kriegsführung einigen (Rückzug der Zapatistas in ihr Kerngebiet Morelos), zum anderen können sich die "Constitucionalistas" auf schnelle Eisenbahnverbindungen und Nachschubmöglichkeiten (Veracruz) stützen. Im Laufe des Jahres 1915 werden die "Villistas" in mehreren Schlachten im Bajío besiegt, die Reste der "División del Norte" flieht nach Norden nach Chihuahua. Die Zapatistas werden im Laufe des Jahres 1916 militärisch besiegt, doch hält sich in Morelos eine Guerillabewegung unter Zapata. Am 10.April 1919 wird Zapata jedoch durch Agenten der Regierung bei Cuautla ermordet. Im Norden kann Villa durch seinen Überfall auf die US-Grenzstadt Columbus 1916 zeitweilig an Stärke hinzugewinnen, insbesondere da die erfolglos agierende Strafexpedition des US-Generals Pershing in Nordmexiko auf massiven Widerstand der Regierung Carranza stößt (Gefahr eines Kriegsausbruchs zwischen Mexiko und den USA). Doch 1917 ist auch seine Bewegung zur Guerilla reduziert. Allerdings blieben bis 1920 etliche Teile Mexikos Aufstandsgebiet verschiedener Widerstandsgruppen.

Ära Carranza 1917-1920

Der im März 1917 formell zum Staatspräsidenten gewählte Venustiano Carranza gewinnt zwar militärisch die Oberhand, kann aber nicht den sozialen Frieden schaffen. Die 1916 nach Querétaro einberufene Nationalversammlung (formal gewählt, allerdings waren nur Anhänger Carranzas zugelassen) nimmt Anfang 1917 die neue Verfassung an, die im Wesentlichen die Verfassung von 1857 bestätigt, sie jedoch hinsichtlich der Landfrage (weitgehende Anwendung des Ayala-Plans) und der Arbeiterbewegung teilweise in erheblichem Maße reformiert. Carranza jedoch, persönlich eher konservativ geprägt, setzt die Vorgaben der Verfassung aber zunächst nicht um. Auch gegenüber den Arbeitern entfremdet er sich, als diese mittels Streiks Lohnerhöhungen erzwingen wollen.

Erst ein Aufstand seiner eigenen Generäle im März 1920 unter Obregón (der eine eigene Kandidatur für das Amt des Staatspräsidenten anstrebte, von Carranza aber nicht unterstützt und verfolgt wurde), die sich mit den verbliebenen Carranza-Gegnern verbündeten, beendete die Herrschaft von Carranza und damit die "Gewaltphase" der eigentlichen Revolution. Unruhen und Militäraufstände blieben allerdings bis in die dreißiger Jahre ein Dauerproblem. Carranza selbst flieht aus Mexiko-Stadt, um an der Küste den Widerstand zu organisieren, wird aber am 21. Mai bei Puebla in einem Hinterhalt ermordet.

Siehe auch: Geschichte

Literatur

  • TOBLER, Hans Werner, Die mexikanische Revolution. Gesellschaftlicher Wandel und politischer Umbruch 1876-1940, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1992 (Taschenbuchausgabe), ISBN 3518384880

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